Es waren wahrlich keine glorreicher Abende, weshalb sich die Frage stellt, wann der Glanz in Barcelona verloren gegangen ist. Oder ist er überhaupt verloren gegangen? Vielleicht ist er nur verdeckt aus einer Schicht aus Unglück und bitteren Schicksalsschlägen. Oder markieren diese drei Spiele doch das Ende der Ära, des FC Barcelona wie man ihn in den letzten Jahren kennen und schätzen gelernt hatte?
Es gilt für die Verantwortlichen, eine Lösung zu finden. Aber erst mal müssen die Probleme erkannt werden, gegenüber denen sich das Trainerteam bisher konsequent verschloss.
1) Die Abwehr
Der FC Barcelona trägt seit Beginn der Saison einen schweren Stein am Fuß, die Abwehrarbeit erschwert seit dem Start in die Liga gegen Real Sociedad, das Dasein als Barcelonafan. Nicht nur, dass Barcelona in den letzten 13 Spielen immer ein Gegentor bekam, in der Liga steht man derzeit bei 30 Gegentoren. Im Vergleich dazu: Letztes Jahr bekam man in allen 38 Spielen insgesamt nur 29 Gegentore. Im Schnitt sind dies etwa 1,2 Gegentore pro Spiel, letzte Saison waren es noch 0,7.
Gründe für diese Schwächung gibt es viele. Es beginnt bereits beim Pressing nach Ballverlusten. Unter Guardiola attackierten die Spieler höher, die Bälle wurden oft bereits in der gegnerischen Hälfte gewonnen. Führte dieses Gegenpressing nicht gleich zu einem Ballgewinn, so waren die Bälle des Gegners meistens ungenau und konnte einfach von den Verteidigern und vor allem von Sergio Busquets eingesammelt werden. Ob gewollt oder nicht, das Pressing hat stark abgenommen und so werden nicht nur die Chancen für den Gegner quantitativ mehr, die Abwehrreihe des FC Barcelona wird so auch immer öfter in Laufduelle nach schnellen Pässen geschickt. Man siehe hier beispielsweise das Tor von Ronaldo zum 0-2 nach einem langen Ball von Khedira.
Puyol und Pique waren schlicht nicht schnell genug für die konternden di Maria und Ronaldo, Alvés und und Adriano waren aufgrund des Rückstands zu hoch positioniert, um bei einem Gegenangriff effektiv verteidigen zu können.
Mourinho erkannte diese Gelegenheit und lies Ronaldo weitestgehend von Defensivarbeit befreit, damit dieser die hohe Stellung Alvés für schnelle Gegenangriffe nutzen konnte, wie auch die Heatmap des Spiels zeigt: Ronaldo spielte im Schnitt deutlich höher, als der nominelle Doppelsturm Higuain und Özil.
Dagegen schwer statistisch festzuhalten, sind die teilweise erschreckend Abwehraktion an sich. Die Absprache fehlt oft, Puyol und Pique unterliegen starken Formschwankungen und bieten des Öfteren Leistungen zwischen zweiter Liga und Weltklasse. Dazu kommt die generelle hohe Stellung des FC Barcelona und das langsame Nachrücken der Mittelfeldspieler: Schon steht Barcelona am eigenen Strafraum und verteidigt numerisch unterlegen, wie gestern bei der Situation, die zum Elfmeter führte. Es gab in diesem Moment keinen Druck auf Barcelona unbedingt in Führung gehen zu müssen, dennoch konnte Madrid Pique in eine eins gegen eins Situation zwingen.
Song als Lösung für die Abwehrprobleme?
Im Sommer holte der FC Barcelona mit Alex Song einen defensiven Mittelfeldspieler, der offensive und defensive Qualitäten vereint. Allerdings durfte dieser zuletzt nur äußerst selten über 90 Minuten ran. Auch wenn er bisher solide Leistungen ablieferte, scheint es nicht für mehr als eine Platz im Rotationsprinzip zu reichen. Dabei könnte gerade Song der Abwehr neuen Schwung geben.
Der Kameruner bringt eine athletische Note mit und versprühte in den letzten Partien eine Fitness, wie sie derzeit nur wenige Spieler aufweisen. Er ist kopfballstark, weshalb er nahezu jedes Kopfballduell für sich entscheidet, wie Spiele gegen Sevilla, Zaragoza, Getafe und Osasuna beweisen, in denen Song nicht ein einziges Luftduell verlor. Dies könnte nicht nur die bekannte Schwäche bei Standards ausmerzen, sondern wäre auch ein Mittel gegen hohe Bälle in den Rücken der zuweilen zu langsamen Abwehr.

Desweiteren spielt Song auch am Boden eine starke Saison, gewinnt viele Zweikämpfe und fängt viele Bälle ab.Im Schnitt 1,6 Bälle pro Spiel und damit mehr als Puyol oder Mascherano. Lediglich Pique und Busquets weisen bessere Statistiken in diesem Bereich auf.
Desweiteren kommt die ungeheure Sicherheit von Song im eins gegen eins Dribbling noch oben drauf. Im Schnitt wird er pro Spiel nur 0,4 Mal ausgedribbelt und und rangiert damit im internen Ranking vor Busquets, Pique, Mascherano und Alves.
Dazu überzeugt Song auch offensiv,
immerhin zählte er auch bei Arsenal
bereits zu den Spielern, die immer gut für einen Lückenpass waren. Deswegen verliert Song auch nahezu keine Bälle, gegen Sevilla beispielsweise lag seine Passgenauigkeit zuletzt bei 95%. Womit er von seinen 79 Ballberührungen lediglich 4 wieder verloren hat. Damit wies er zusammen mit Thiago den drittbesten Erfolgswert seiner Pässe auf, gleichzeitig hatte er die viert meisten Ballkontakte seiner Mannschaft.
2) Der Ballbesitz
Eng mit der Abwehrschwäche verbunden, ist der Ballbesitz. Unter Guardiola tendierte man dazu, in schwierigen Spielen den Gegner mit Ballbesitz erdrücken zu wollen. Diese Gangart sieht man diese Saison seltener, zuletzt machte vor allem Celtic Glasgow damit Bekanntschaft. Vilanova hat seiner Mannschaft zu Beginn dieser Spielzeit ein schnelleres und direkteres Spiel mitgegeben. Die Spieler sollten den Ball nicht mehr so lange halten, sondern schnell abspielen und so schneller und einfacher Lücken finden. Dennoch erhöhte sich die durchschnittliche Passgenauigkeit, wobei die Anzahl der Pässe sich durchschnittlich nicht entscheidend veränderte.
Dementsprechend wurde das Spiel zwar direkter, aber auch gleichzeitig weniger risikoreich. Der Ball lief schnell, dies allerdings des Öfteren quer zum Strafraum der Gegner, die Abnahme der Schnittstellenpässe von 1,43 unter Pep Guardiola auf 1,0 unter Vilanova pro Spiel passt in dieses Bild. Bestes Beispiel ist dafür Xavi, der in der Saison 11/12 noch auf 2,5 Schnittstellenpässe kam, dagegen unter Vilanova nur noch 1,4 dieser Pässe auf 90 Minuten spielt. Die nebenstehende Grafik zeigt deutlich, wie die Schlüsselpässe in der letzten Zeit abgenommen haben. Bei nahezu allen Spielern, abgesehen von Andrés Iniesta, ist ein klarer Rückschritt zu den vorherigen Saisons zu beobachten.Damit sollte eigentlich das Risiko auf Ballverluste runtergeschraubt werden, allerdings war dies nicht zu beobachten, ganz im Gegenteil hat man als Beobachter oft das Gefühl, dass die Barcelona-Spieler den Ball nur noch halten, damit sie dem Gegner keine Chance geben, selbst etwas mit dem Spielgerät anzustellen. Man hält den Ball um des Ballhaltens Willen und nicht um damit eine taktische Vorgabe zu erfüllen.
3) Die Flügelarbeit
Das System des FC Barcelona beruht stark auf der Breite, die die offensiven Außenverteidiger und die Flügelspieler schaffen. Die Spieler stehen breit und versuchen damit auch die Abwehr des Gegners auseinander zuziehen, um damit Platz für Pässe in den freien Raum zu schaffen. Gleichzeitig bedeuten breit stehende Flügelspieler für den Gegner mehr Laufarbeit, da er konsequenter mitschieben muss.
Allerdings beruht diese Annahme auf der Tatsache, dass die Flügelspieler des FC Barcelona jederzeit dazu in der Lage sind, Gefahr zu kreieren. Ob es sich dabei nun um einen Torabschluss oder eine gefährliche Hereingabe handelt, ist erstmal zweitrangig. Allerdings fallen die Möglichkeiten einer Flanke enorm niedrig aus, da nahezu nur halbhohe bis niedrige Flanken ihr Ziel finden, oft fehlt dem FC Barcelona die körperliche Präsenz im Strafraum der Gegner, weshalb die Flügelspieler oft den Weg nach innen gehen, um selbst zu treffen und damit den Weg für die Außenverteidiger zu öffnen, die breit stehen bleiben.
Unter Vilanova ist allerdings ein neues Phänomen zu beobachten. Die Flügelspieler arbeiten nur noch Messi zu und werden selbst nur selten gefährlich. Das Team Vilanova/Roura setzt mit Iniesta und Pedro meistens auf eine Kombination aus einem sehr zentral orientierten Spieler auf der linken Seite und einem Arbeiter auf der rechten Seite. Die Marschrichtung damit ist klar. Alba soll die linke Seite bespielen, während Iniesta nach innen tendiert und es den Verteidigern damit schwer macht, ihm zu folgen, gleichzeitig beteiligt er sich natürlich am Kombinationsspiel. Auf der anderen Seite soll Pedro Läufe ohne Ball durchführen, um die Abwehr zu verwirren oder im besten Fall auseinanderzuziehen. Allerdings strahlen beide Spieler keine große Torgefahr aus.
Die Reservespieler des FC Barcelona dagegen sind deutlich direkter ausgerichtet und tororientierter, leiden allerdings an Formschwäche (Alexis) oder sind von Namen her noch nicht bereit für die erste Mannschaft (Tello und auch Deulofeu). Weshalb David Villa nicht zum Stammkader gehört, bleibt das Geheimnis der Trainer. Villa bringt auf der linken Seite Torgefahr mit, gleichzeitig ist er ein Spieler, der sich am Passspiel beteiligen kann und er ist flexibel genug, um gelegentlich Positionen zu tauschen und so auch in der Mitte mit Messi für Gefahr zu sorgen. Nicht umsonst ist er zweitbester Torschütze der Katalanen, dies allerdings mit nur 9 Einsätzen über die volle Dauer.

Die Grafik verdeutlicht das Problem der Katalanen: Die Offensivspieler, die nicht Messi heißen, treffen zu selten. Villa kam in der letzten Saison, trotz seiner Verletzung, auf fast so viele Tore, wie diese Saison. Pedro stagniert, genauso wie Iniesta auf einem niedrigen Niveau, Xavi und Fabregas haben im Vergleich zur letzten Saison abgebaut und Alexis hat diese Saison erst ein einziges Tor erzielt. Natürlich sind noch einzige Spiele für den FC Barcelona zu absolvieren, allerdings darf in diesen und vor allem in der jetzigen Verfassung nicht mit einem großen Sprung gerechnet werden, weshalb die Fans zuletzt auch immer öfter einen torgefährlichen und "echten" Neuner fordern.
4) Die Abhängigkeit von Messi
Alle die bisher genannten Punkte begleiten den FC Barcelona seit Saisonbeginn. Dennoch führen die Katalanen die Tabelle in Spanien souverän an, spielen noch in der Champions League und sind erst im Pokalhalbfinale gescheitert. Der Grund für diesen Erfolg war bisher meist einfach zu finden: Lionel Messi. Der Weltfussballer spielt erneut eine überragende Saison und rettete Barcelona im Verlauf dieser Saison bereits öfter vor einer Niederlage. Beispielhaft dafür steht das Spiel gegen Granada, als Messi ein 0-1 und einen uninspirierten Auftritt seiner Mannschaft im Alleingang rettete und das Spiel auf 2-1 drehte.
Die Statistiken zeigen eine klare Abhängigkeit von Messi. Der Argentinier hat nahezu die Hälfte der Barcelona-Tore in der Liga erzielt. Der Zweitbeste Torschütze rangiert mit 7 Toren weit abgeschlagen hinter den 38 Toren von Messi.
Doch selbst gegen Messi scheinen die Gegner inzwischen ein Rezept gegen ihn gefunden zu haben. Nicht nur, dass Messi bereits jedes Spiel des FC Barcelona bestreiten muss, er muss auch jedes Spiel eine gute Leistung zeigen, allerdings wird ihm dies zuletzt durch den Gegner immer schwerer gemacht. Dadurch, dass Messi als Falsche 9 agiert und damit zentral nahezu überall unterwegs ist, haben viele Mannschaften aufgehört, Messi weit zu verfolgen. Im Fokus steht vor allem das Verhindern von Torchancen durch den Argentinier, was im Extremfall auch mal mit 4-5 Spielern verhindert wird.
In der Vergangenheit haben sich mehrere Versuche Messi zu stoppen herauskristallisiert, aber so eindrucksvoll wie Mailand gelang dies selten. Die Mailänder nahmen den Stürmer konsequent in ein Dreieck, in dem sie versuchten sowohl alle Dribbel -als auch alle Passwege abzuschneiden. Zwar konnte er sich weiterhin am Passspiel beteiligen und versuchte immer wieder sich der Bewachung zu entziehen, kam allerdings nur 2 Mal zum Abschluss.Durch das Dreieck, aus Sechser und den Innenverteidigern wurde Messi der Weg zum Tor abgeschnitten, während er allerdings den Pass nach hinten spielen konnte. So erreichte er zwar eine hohe Passgenauigkeit von 91%, was etwa 6% über seinem Durchschnitt liegt, konnte allerdings zu keiner Zeit echte Torgefahr ausstrahlen.
5) Die Trainer
"Den FC Barcelona kann jeder gewinnen, sogar ich würde mit diesen Spielern einen Titel holen", Aussagen wie diese kennt man inzwischen von jedem Stammtisch. Allerdings beweist das derzeitige Barcelona eindrucksvoll, wie wichtig ein Trainer wirklich ist. Durch die Erkrankung von Vilanova rutschte Jordi Roura an die Seitenlinie und betreut seitdem die Mannschaft. Dennoch steht er im ständigen Kontakt zum in New York weilenden Vilanova, weswegen es schwer fällt, Roura die Schuld an der derzeitigen Misere unterzuschieben.
Gleichzeitig spielten sich Spieler wie Adriano, Montoya und auch Bartra in ihren wenigen Einsätzen in den Vordergrund, wurden allerdings nicht oder nur spät berücksichtigt. Die Meinung vieler Fans ist klar: Der Name schützt nicht vor der Bank.Schon gar nicht, wenn es darum geht die Abwehr zu stabilisieren. Montoya bringt zwar eine weniger hohe offensive Arbeitsrate mit wie Dani Alves, allerdings ist der junge Spanier auch defensiv eingestellter und vertedigte bei seinen Einsätzen auf einem extrem hohen Niveau.
Auf der anderen Seite steht mit Adriano ein extrem torgefährlicher Außenverteidiger zur Verfügung, der immerhin schon 5 Tore erzielte und sogar bereits in der Innenverteidigung eingesetzt wurde, um schnelle Spieler aufzuhalten, womit Puyol zuletzt arge Probleme hatte.
Jeder andere Verein hätte wohl bereits zu einer anderen Lösung gegriffen, es passt allerdings in das Konzept der Katalanen auf ihre Eigengewächse zu vertrauen, auch auf der Bank, weshalb Roura durchaus weiterhin den noch bis Anfang April abwesenden Vilanova vertreten sollte. Ob sich dann allerdings sofort eine Besserung einstellt ist zu bezweifeln, vor allem weil die entscheidene Phase der Saison bereits abgelaufen sein dürfte.
6) Fazit
Barcelona hat Probleme. Das ist ohne Frage derzeit. Allerdings sind diese durchaus lösbar und erfordern ein wenig Mut der Trainer zu entscheidenden Einschnitten. Das Pressing muss verbessert werden, die Abwehr muss so oder so sicherer stehen. Gegen Madrid zu verlieren ist nicht Ungewöhnliches, auch das 2-0 in Mailand ist in der Kategorie "Vertretbar" einzuordnen. Allerdings sind die Probleme bisher vor allem durch einen überragenden Messi und die größtenteils schwachen Gegner in Liga und Pokal kaschiert worden. Speziell die Statistiken sprechen eine klare Sprache und weisen daraufhin, dass die Probleme sich bereits durch die ganze Saison zu ziehen.
Im Spiel gegen Mailand ist durchaus davon auszugehen, dass Barcelona einem Rückstand hinterher laufen wird, die Abwehr scheint vor allem gegen schnelle Gegenspieler überfordert zu sein, weshalb ein Gegentor im Camp Nou zu erwarten ist. Dann noch 4 Tore zu erzielen wird verdammt schwer, dass muss allen bewusst sein. Dementsprechend würde sich eine Lösung mit Song in der Innenverteidigung anbieten, es darf derzeit allerdings bezweifelt werden, ob die Trainer diesen Schritt wagen.






